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Von der Kunst, kein Ar*** auf Reisen zu sein

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Von der Kunst, kein Ar*** auf Reisen zu sein

Jeder von uns geht grundsätzlich erst einmal davon aus, dass er ein guter und vorbildlicher Reisender ist. Bist du nicht auch der Meinung, dass du als Weltentdecker unsere Erde besser hinterlässt als du sie vorgefunden hast? Vermutlich schon. Ich verrate dir was: Das tust du nicht.

“Äh, wie bitte? Behauptest du gerade ernsthaft, dass ich mich nicht genug um unseren blauen Planeten kümmere?”

Jep. So sieht’s aus. Tue ich nämlich ehrlich gesagt auch nicht. Das tut niemand von uns. Wir, die Reiseweltmeister schlechthin, fügen unserer Welt mit teilweise völlig undurchdachtem Reiseverhalten immensen Schaden zu.

Die gute Nachricht: Wir alle können unsere Gewohnheiten beim Herumstrawanzen aktiv hinterfragen und anschließend verbessern oder sogar ganz sein lassen! 

Die schlechte Nachricht direkt hinterher: Das bedeutet harte Arbeit, allem voran an unserem persönlichen Mindset, unserer Bequemlichkeit und unserem erlernten Weltbild. Oh, du bist ja immer noch hier und liest gebannt mit! Sieht ganz danach aus, als ob du tatsächlich das Zeug zum echten Weltverbesserer hast. Dann will ich dir meine Gedanken zum schrittweisen Erreichen der Kunst, auf Reisen kein Ar*** zu sein, nicht mehr länger vorenthalten!

1. Sei bei tierischen Aktivitäten extrem wählerisch!

“Ohhh wie unglaublich süß! #cutenessoverload”

So oder so ähnlich lauten die Standardkommentare auf Instagram und Co., wenn jemand eine goldige Animal Encounter Aktivität in seiner Wahldestination gebucht und anschließend eine Hand voll Fotos in den Sozialen Netzwerken hochgeladen hat. Und da gibt es weltweit wirklich einige Möglichkeiten, um seinen Urlaub mit flauschiger Gesellschaft aufwerten zu können: Auf Elefanten in Thailand zu reiten, Babylöwen in Südafrika zu knuddeln oder Bären beim Tanzen in Russland zuzusehen sind nur einige Beispiele. Auch ich war jung, auch ich habe den singhalesischen Dschungel auf dem Rücken eines liebevollen Dickhäuters bestaunt, dessen Seele vermutlich schon seit vielen Jahren die traumhafte Natur um sich herum nicht mal mehr wahrnehmen konnte. Don’t be like my younger self. 

Seitdem halte ich mich strikt an folgenden, selbst auferlegten Kodex: Ich möchte Tieren in freier Wildbahn begegnen, wenn diese es möchten, nicht, wenn ich dafür bezahlt habe. Eine Safari auf Madagaskar? Genial. Walen auf offenem Meer beim Schwimmen zusehen? Cool. Ein Selfie mit jungen Berberaffen in den Straßen Marokkos für wenig Geld? No thanks. 

Majestätische Lebewesen, die viel zu oft in Gefangenschaft gehalten werden - bitte wählt eure tierischen Begegnungen auf Reisen weise aus!

2. Überlege 2x, wie oft du auf Reisen in AirBnbs übernachten willst!

Wenn ich speziell an die letzten Jahre zurückdenke, haben Airbnbs die Reiseindustrie ganz schön aufgewühlt und verändert. Jeder Reisende konnte ganz plötzlich in super authentischen Wohnungen von Locals übernachten und befand sich dadurch mitten im Geschehen! Klingt erst einmal ziemlich cool und entspannt, stimmt’s? Haben sich hunderttausende Reisende ebenfalls gedacht, wodurch allerdings folgendes Problem entstanden ist: Viele Wohnungsvermieter haben durch den Andrang der breiten Masse relativ flott gemerkt, dass sie mit Kurzzeitvermietungen an Weltenbummler weitaus mehr Geld verdienen als durch stinknormale Dauervermietungen an Einheimische.

Nach und nach sind so die Mietpreise für die restlichen bestehenden Wohnungen gestiegen – inländische Bürger haben hier leider das Nachsehen. Ganz egal ob Barcelona, Madrid oder Lissabon: Etliche Städte kämpfen bisher leider ziemlich erfolglos gegen den extremen Ferienwohnungsboom. 

Die Lösung für das Problem ist simpel: Wir als Reisende sollten AirBnbs nur dann buchen und besuchen, wenn sie sich nicht in einem Ballungsraum befinden und kein Bestandteil des großen Problems sind. AirBnbs mitten in den slowenischen Alpen oder afghanische Jurten im privaten Garten eines Stadtbewohners sind in meinen Augen nicht nur abenteuerlicher, sondern keine wesentliche Komponente der oben beschriebenen Touristizifierung von Unterkünften. Wer komplett auf AirBnbs verzichten möchte, es aber trotzdem ausgefallen mag, der kann immer noch auf Boutiquehotels, Glampingresorts und andere ähnliche Übernachtungsmöglichkeiten zurückgreifen!

Warum nicht mal abenteuerlich übernachten? Wer nicht auf AirBnbs verzichten mag, der kann auch etwas außerhalb von bekannten Metropolen nächtigen!

3. Kaufe lokal und direkt vor Ort!

Wir leben in einer Welt, in der sich der Großteil des vorhandenen Geldes in den Händen von wenigen befindet. Da kann man als Ottonormalurlauber nicht allzu viel dran ändern denkst du? Falsch gedacht! 

Ein guter Weg, um den lokalen Verkäufern und Künstlern beim Verdienen ihrer Brötchen zu helfen ist, sich direkt vor Ort und in den eigenen Läden der Handeltreibenden mit beispielsweise Souvenirs einzudecken. Kein Witz, diese schicken und extravaganten Armbänder, die du in aller Eile am Ende deines Städtetrips im Flughafenshop kaufst, kannst du für einen Bruchteil des Wucherpreises im lokalen Store erwerben – authentisches Einkaufsfeeling inklusive!

Kleiner Tipp: Wer den Localgedanken gerne noch ein wenig weiter spinnen möchte, der kann Punkt 3 mit Punkt 2 verbinden und in Hotels übernachten, die keiner weltbekannten Kette angehören, sondern seinen Urlaub in lokal geführten Hotels verbringen.

Buy local or bye-bye local! Seht euch doch mal vermehrt in lokal geführten und möglicherweise unscheinbaren Shops um - ihr werdet überrascht und begeistert zugleich sein!

4. Sei dir deiner Wirkung auf andere stets bewusst!

Du bist Reiseblogger oder -influencer und postest wie verrückt international bekannte Orte in deinem Feed, die sowieso schon mit Overtourism zu kämpfen haben?

Ganz ehrlich: Ich verstehe dich. Als ich im Juni letzten Jahres ein Foto im wehenden Maxidress auf der Hängebrücke der Olpererhütte mit Gott und der Welt geteilt habe, bin ich mehrmals viral gegangen. Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehsender – sie alle haben sich um mein perfekt inszeniertes Bild geprügelt und es mehr und mehr verbreitet. 

Verwende ich hingegen ein Foto eines unbekannten (und ohne Ortsangabe versehenen!) Spots, der mich persönlich mindestens genauso fasziniert hat, rankt dieser einfach nicht so gut in den Sozialen Medien. Menschen wollen Orte sehen, die sie (wieder)erkennen, die nicht zu ausgefallen sind und die sie selbst auch noch auf ihrer Bucketlist stehen haben. 

Ich bleibe ehrlich zu euch: Ganz sicher werde auch ich weiterhin den ein oder anderen “famous place” besuchen, in aller Herrgottsfrühe aufstehen und ein sogenanntes instagrammable Bild kreieren. Dadurch kann ich tolle Kooperationen eingehen, die mir wiederum neue Möglichkeiten als Reisebloggerin eröffnen. Ich werde es aber auch beibehalten, nicht nur Fotos von Orten zu posten, die sowieso gerade in aller Munde sind oder die erfahrungsgemäß im Internet “explodieren”. Meine Abenteuerlust ist weiterhin ungezähmt, ich will mich verlaufen, verirren, mich treiben lassen und im Moment verweilen.

Ich will außerdem unbedingt ein Vorbild sein, mich nicht auf gefährliche Mauerränder für ein abgefahrenes Video setzen, meinen Followern und Lesern nichts vorschwindeln und – auch wenn die Kamera aus ist – ein freundlicher und aufgeschlossener Mensch bleiben und fremden Kulturen mit Respekt begegnen.

Im "real life" Liebe verteilen ist so viel wertvoller als Like-Herzchen im World Wide Web zu versenden!

5. Nimm’ dir die Zeit, deine eigenen Gedanken und Gefühle zu bestimmten Themen zu reflektieren!

Ich habe erst vor Kurzem einen super spannenden Spruch gehört, der den Nagel in beinahe jeder erdenklichen Situation auf den Kopf trifft:

“Dein erste Gedanke, der dir in den Sinn kommt, ist der, der dir durch die Gesellschaft beigebracht wurde. Dein zweiter Gedanke definiert, wer du wirklich bist.”

Wenn du also in unserer heutigen Zeit, in der wirklich jeder von völlig Unbekannten aufgezeigt bekommt, was auf Reisen erstrebenswert, cool und wichtig ist, beim Buchen deiner Unterkunft oder deines Erlebnisses erst einmal denkst: “Das kommt gut an.”, “Das macht man so.”, “Das macht XY neidisch.” oder “Das brauche ich unbedingt, um glücklich zu sein.”, dann geht es dir wie mir und tausend anderen “Geinfluencten”.

Dein zweiter Gedanke ist aber der, der letztendlich zählt.

“Es gefällt mir aber besser, wenn ich in diesem oder jenen Hotel übernachte.”

“Ich mag eigentlich gerade gar nicht in den Urlaub.”

“Diese superschicke Luxusbadewanne sieht klasse aus, ist aber ganz bestimmt total unbequem, wieso also mein hart verdientes Geld für genau dieses Hotelzimmer ausgeben?”

Dein Gehirn benötigt also manchmal einfach eine kleine Autokorrektur. Das ist nicht weiter schlimm. Du musst dich nicht für vorurteilsbehaftete Gedanken schämen, solange du sie mit deinem zweiten Gedanken revidierst. 

Immer wieder den ersten Gedanken durch den zweiten Gedanken zu ersetzen und sich in persönlicher Reflexion zu üben, ist allerdings vor allem auf Reisen ein schwieriges und anstrengendes Unterfangen.

Wenn du dich aber genau wie ich in der Kunst, kein (oder ein geringerer) Ar*** auf Reisen sein zu wollen, übst, glaube ich fest an dich, dass du immer wieder und immer öfter die richtigen Gedanken und die daraus resultierenden Entscheidungen treffen wirst! ❤️